Routine - Segen und Fluch
Sie kann ein Fluch sein: Immer das Gleiche und Bekannte. Langweilig und öde. Manchmal können wir uns auch zu sicher fühlen.
Sie kann ein Segen sein: Jeder Handgriff sitzt. Wir müssen nicht mehr nachdenken, wie es gemacht wird. Das kann entspannend sein.
Sie kann ein Segen sein: Jeder Handgriff sitzt. Wir müssen nicht mehr nachdenken, wie es gemacht wird. Das kann entspannend sein.
Anfängerin - 9. Jun, 20:08

Routine - Segen und Fluch
( nach Albert Camus )
Sisyphos, Sie kennen doch sicher Sisyphos, den griechischen Helden, der von den Göttern verdammt, einen Felsblock den Berg hinaufwälzt; auf dem Gipfel angekommen, rollt der Felsblock kraft göttlichem Beschluß wieder zu Tal. Sisyphos beginnt seine Arbeit von neuem, bis zum Ende aller Tage, in alle Ewigkeit.
Nach Homer war Sisyphos der klügste und weiseste Mann seiner Zeit, nach anderen Quellen ein Straßenräuber; was sich nicht widersprechen muß.
Ein Bild eines unglücklichen Mannes, zu sinnlosem Tun verurteilt, ohne Hoffnung - Zwangsarbeit ohne Lohn. Stetes Tun ohne bleibenden Erfolg, gleichförmige, eintönige Qual haben die Götter mit ihrem Urteil verhängt.
Was hatte Sisyphos angestellt? Den Göttern ist er in die Quere gekommen; er hat zu ihren Untaten nicht geschwiegen sondern widersprochen - und das vertragen Götter nun mal nicht, seien es die früheren oder die heutigen.
Es ist und bleibt ein Mysterium, warum immer gerade Dummköpfe Götter werden - oder verdummt man als Gott?
Sisyphos mußte zum Strafantritt gefangengenommen und gezwungen werden; er fügte sich dann in sein Schicksal und begann den Felsbrocken zu wälzen.
Unten war es flach und der Block bewegte sich leidlich, aber die Schulter begann schon nach kurzer Zeit weh zu tun, durch das ungewohnte Stemmen und Drücken.
Es wurde steiler, er hatte das erste Drittel geschafft und ruhte aus, lockerte die Glieder und Muskeln und beschloß abwechselnd mal mit der einen mal mit der anderen Schulter zu stemmen und einen Rhythmus zu finden.
Die Sonne war höher gestiegen, rundherum war alles still, nur die Vögel sangen ihr Lied und Fliegen und Mücken sirrten.
Das zweite Drittel beanspruchte ihn bis an die Grenzen seiner Kräfte, es war viel steiler und unwegsamer geworden. Die Muskeln schmerzten vor Anstrengung, alle Glieder taten weh, an den Schultern, Armen und Händen war die Haut abgeschürft.
Oh, ihr grausamen Götter, rachsüchtig, niedrig habt ihr gestraft und wollt so erhaben, wollt anbetungswürdig sein und die Menschen bemerken nicht, daß sie nur dann selbst Vollkommenheit erlangen können, wenn sie euch, ihre Götter, überwinden.
Wer Strafe und Rache braucht, um zu lenken und zu regieren ist ein verachtenswertes Individuum - eines Gottes würdig wäre, die Menschen zu gewinnen.
Sisyphos quält sich das letzte Drittel zum Gipfel empor, in der Gewißheit, es zu schaffen - der Richterspruch wäre anders nicht zu erfüllen gewesen.
Ihm wurde bewußt, daß seine Richter, die Gesetze gebeugt hatten, um seine Strafe zu ermöglichen. Inmitten der Qual, des Schmerzes und der Anstrengung, spürte er einen Triumph. Die Götter hatten ihm, einem Menschen, Unsterblichkeit verliehen. Von Hunger und Durst, von Müdigkeit und Schlaf und von manch anderen Bedürfnissen der Lebenden hatten sie ihn befreien müssen - und ein
Versagen war ausgeschlossen.
Der Stein entglitt ihm, er hatte den Gipfel erreicht und die Vorhersage erfüllte sich. Langsam sah er sich um, nahm das Land in der sinkenden Sonne in sich auf. Dies war's also, sein Schicksal, seine Strafe, seine Verbannung, der Anfang eines Weges - mit welchem Ziel?
Langsam wandte er sich zum gehen und stieg in Gedanken den Berg hinab. Er fühlte sich geschunden wie ein Galeerensklave, aber nicht unglücklich. Alles hatte eine Ordnung.
Sisyphos hatte sich an sein Dasein gewöhnt, mit der Zeit paßte sich sein Körper an, die anfänglichen Schmerzen verschwanden, er hatte gelernt mit dem Stein umzugehen. Manch geschickter Handgriff erleichterte seine Arbeit und ließ ihm Zeit zum denken.
Der Stein verlor immer mehr Kanten und am Berghang hatte sich ein Pfad gebildet, beinahe eine Rinne, in der er den Fels rollen konnte. Seine Gedanken aber waren frei, die Einsamkeit und Stille schärfte seine Sinne. Er kannte die Vogelstimmen und konnte die Laute der Natur erkennen und deuten. Sein Dasein hatte einen gleichmäßigen Rhythmus, die Aufgabe, der Stein war bekannt.
Ihm konnte nichts geschehen, er hatte weder Furcht noch Sorgen, die Zukunft lag offen vor ihm - weder Götter noch Schicksal hatten noch Macht.
Er hatte Zeit, unendlich viel Zeit, er war unsterblich, wie sie. Es war gleichgültig, was geschah, in der Zukunft würde alles sein.
Einmal würde alles erreicht, Stein und Berg abgetragen, alles erfüllt sein in der Zeit.
Sisyphos war im Einklang mit sich selbst, er hatte die Götter besiegt.