Schau auf das Gemeinsame, bevor du das Trennende siehst. Sonst baust du Mauern, die nur schwer zu überwinden sind.
Anfängerin - 1. Sep, 20:09
Meine Mutter und ich haben kein besonders herzliches Verhältnis. Freundlich ist eine bessere Umschreibung. Im Laufe der Jahre ist es besser geworden. In dieser Familie war es nie üblich, sich auszusprechen oder sich nahe zu kommen. Ich habe hier weder streiten noch diskutieren gelernt. Entscheidungen hat meine Vater getroffen, die nicht hinterfragt wurden.
Seit 11 Jahren ist mein Vater nun tot. Als er gestorben war, mußte ich ihr alles über den Bankenkram wie Kontoauszüge, Geld abheben usw. beibringen. Das war sonst Sache meines Vaters und er hatte nie Lust, ihr das zu erklären. Da sie vor ihrer Hochzeit ein paar Jahre gearbeitet hatte, fand sie es nie schön, kein eigenes Geld mehr zu haben und um das Haushaltsgeld "betteln" zu müssen.
Seit sie nun ihrer eigene Herrin ist, lebte sie auf. Er hat ein wenig Geld hinterlassen, daß sie gut angelegt hat. Als erstes ließ sie unseren Flur renovieren. Niemand von uns riss sich darum, bei der Treppe zu tapezieren. Also ließ sie es machen und kam auf den Geschmack, solche Sachen machen zu lassen. Ihre eigene Version von Sich-Etwas-Gönnen neben ein paar kleinen Urlauben. Es hatte auch den netten Effekt, daß gewisse Nachbarn neidisch über sie redeten, was sie immer sehr amüsierte.
Neulich fragte sie: "Was hältst du davon, wenn ich deine Küche bezahle? Dein Bruder hat damals zum Hausbau auch einiges bekommen und sogar mehr." Meine Antwort war: "Nichts." Es ist nicht so, daß ich nichts von ihr nehmen würde. Aber die Küche ist etwas, die will ich einfach selbst bezahlen. Es gibt noch genug andere Sachen, wenn es denn sein muß. So viel Geld hat sie schließlich auch nicht. Das darf sie gern für sich selbst verwenden. Eigentlich hatte sie für dieses Jahr geplant, ihr Schlafzimmer renovieren zu lassen.
Ich habe ihr vorgeschlagen, sich selbst eine neue Küche zu kaufen. Bis auf die Geräte wurde nie etwas erneuert. Unhandlich mit vielen Wegen, weil diese groß, aber ungünstig angelegt ist. Die Arbeitsecke würde nicht viel größer als meine ausfallen, aber weniger kosten, weil sie weniger bzw. günstigere Geräte braucht. Es wäre allerdings teuer, sämtliche Anschlüsse umzulegen und neu zu tapezieren und den Fußboden zu machen.
Sie wollte wenig davon wissen. Was, wenn mein Bruder bleiben würde und es ihm nicht gefällt? Mal davon abgesehen, daß er nicht bleiben wird, wäre er eher froh, eine neue Küche zu haben. Dann: Nachher lebe sie nicht mehr so lange und hätte nur wenig davon gehabt, das würde sich doch nicht lohnen? Sie ist 71 und ihr geht es derzeit gut. Selbst wenn sie die neue Küche nur eine Woche erleben würde, hätte es sich gelohnt. Und dann dieses: Papa hat gesagt, ich kriege keine Einbauküche... Ich habe tief durchgeatmet, um das, was ich sagen wollte, freundlicher zu formulieren. "Er ist aber nicht mehr da. Jetzt entscheidest du, ob du eine willst." Ich habe ihr geraten zu warten, bis sie meine Küche sieht. Vielleicht kommt sie dann auf den Geschmack. So was passiert bei ihr manchmal. Ich hoffe, ich kann sie überreden, eine neue Küche zu kaufen. Nicht nur, weil ich dann wieder eine Küche kaufen darf... ;-)
Anfängerin - 1. Sep, 13:11